SYNNECTA
Tim Flannery: Wir Wettermacher
vorgestellt von Dirk Bohnsack

Wir Wettermacher Flannery beschreibt in seinem Buch »Wir Wettermacher«, wie wir in das Wetter eingreifen, welche Folgen entstehen und was wir tun können. Wurden in den siebziger und achtziger Jahren noch die Grenzen des Wachstums bei der Ressourcenverfügbarkeit gesehen, rückt inzwischen der Einfluss des Menschen auf die Selbstregulation des Klimas und die Bedrohung der biologischen Lebensgrundlagen in den Vordergrund.

Seit circa 10.000 Jahren herrscht auf unserem Globus eine durchschnittliche Temperatur von 14°C – wenngleich es natürlich deutliche lokale Schwankungen gibt (wer hat nicht den letzten Winter im Hinterkopf!).

Sämtliches Leben hat sich an diese Temperatur und ihre minimalen Schwankungen so hervorragend angepasst, dass bereits geringfügige Änderung zu ungewöhnlichen Auswirkungen in einzelnen Klimaregionen führen. So führte eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur von circa einem Grad Celsius im 17. Jahrhundert zu Weinanbau in England. Größere Temperatursprünge zeitigten entsprechend Folgen größeren Ausmaßes: vor ca. 55 Millionen Jahren führte ein Temperatursprung von ca. 5° - 10° Grad innerhalb einiger Jahrhunderte zu einem umfassenden Artensterben und dramatischen Veränderungen in Flora und Fauna.

Wir erwärmen den Planeten, indem wir fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Erdgas verbrennen und dabei CO2 freisetzen. Das setzt einen Prozess in Gang, der über Kreisläufe und Rückkopplungen das Klima in der Atmosphäre, in den Ozeanen und auf der Erde zunehmend schnell verändert. So haben wir es geschafft, seit 1900 den Planeten um 0,7° in der Durchschnittstemperatur aufzuheizen. Nach zuverlässigen Schätzungen wird sich die durchschnittliche Temperatur des Globus zusätzlich um circa drei Grad Celsius (manche schätzen bis zu 11°) erhöhen. Und das nicht etwa über tausende von Jahren hinweg, sondern innerhalb dieses Jahrhunderts.

Man könnte ja auf die Idee kommen, dass diese Erwärmung gar nicht so schlimm sei (was spricht schon gegen englischen Wein?), wenn nicht das Zusammenspiel von Klimaveränderungen in Atmosphäre, terrestrischen Flächen und Ozeanen so komplex wäre, dass Folgen oder Klimamuster der Zukunft nicht mehr berechenbar sind. Unklar ist, wie genau der Prozess sich entwickelt. Klar ist aber wohl, dass Klimamuster sich nicht langsam ändern, sondern von einem stabilen Zustand in einen neuen stabilen Zustand springen (ohne dass damit gesagt sei, dass der neue stabile Zustand ein wünschenswerter Zustand wäre).

Scheinbar haben wir als Menschheit bereits zwei Sprünge (oder auch: magische Tore) in jüngster Vergangenheit hinter uns gebracht. Der erste Sprung erfolgte 1976, als eine Steigerung der Oberflächentemperatur des Wassers in Zentralpazifik um 0,6°C dazu führte, dass der Jetstream seine Richtung änderte und damit die Niederschläge in Nordamerika erheblich nachließen. Eine Folge war eine Dürreperiode in Nordamerika. Seit diesem Zeitpunkt sind die Temperaturen nicht wieder gefallen – der Zustand erweist sich als stabil, mit erheblichen Folgen in den betroffenen Gebieten.

Im Jahre 1998 durchschritten wir ein weiteres magisches Tor. Seit 1998 fällt die Temperatur des Oberflächenwassers im Westpazifik nicht mehr unter 30°C. Die Folgen sind für zwei Drittel des Globus Trockenheit, Überschwemmungen oder andere extreme Wetterlagen.

Ich habe hollywoodhaft übertreibende Darstellungen des global warming, die uns alle unter Wasser oder in einer Eiswüste sehen, nie wirklich beunruhigend gefunden. Aber das Buch finde ich beunruhigend. Das Beunruhigende ist die nüchterne und sachliche Darstellung eines schleichenden Prozesses, der langsam aber sicher biologisches Leben auf der Erde dramatisch verändern oder gar verhindern wird. Beunruhigend ist, die schiere Fülle von Details, die wie ein Puzzle zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden. Beunruhigend ist der Tonfall, der sich jeden Eiferns und (fast) jeder Ideologie enthält. Das Buch kommt sachlich daher und wirkt glaubwürdig – dadurch wirkt die Botschaft so stark: Es ist höchste Eisenbahn, dass wir was tun.

Flannery ließ mich nach dem Lesen mit zwei Fragen zurück: Wenn die Erwärmung so ist, wie Flannery sie schildert, wie genau sieht unsere Welt in 50 Jahren aus? Und: Was können wir tun? Auf die erste Frage habe ich keine Antwort gefunden – auf die zweite schon. Als einzelner, so die tröstliche Antwort, kann ich meinen Energiekonsum verändern. Ich kann weniger Elektrizität verbrauchen, ich kann Sonnenkollektoren zum Gewinnen von Strom einsetzten, ich kann sie zur Gewinnung von Warmwasser zuschalten. Ich kann grünen Strom kaufen. Ich kann kleine Geräte kaufen statt großer Geräte. Ich kann ein Hybridauto fahren, wodurch ich ca. 30% weniger CO2 produziere.

Flannery bleibt pragmatisch: Er schlägt an keiner Stelle vor, dass wir uns in vorindustrielle Zeiten mit Eigenversorgung in bäuerlicher Not zurückbegeben. Und er bleibt seinem Pragmatismus treu, schlägt er doch gar vor, die Atomenergie auszubauen, um von Kohlekraftwerken unabhängiger zu werden. Sehr lesenswert.
    Tim Flannery: Wir Wettermacher
    S. Fischer Verlag 2006, 350 Seiten
    ISBN 3-1002-1109-X
 
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