SYNNECTA
Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen
Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft
vorgestellt von Tilman Gutenberg

Ökonomie für den Menschen Der 1998 für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und zur Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung mit dem Nobelpreis für Wirtschaftwissenschaften dekorierte indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen liefert mit »Ökonomie für den Menschen« eine Version seiner Einsichten und Forschungsergebnisse, die auch der Nicht-Wirtschaftswissenschaftler lesen und verstehen kann.

Sein Buch ist eine Umsetzung einer Reihe von sechs Vorträgen, die er vor der Weltbank in Washington gehalten hat, und es fasst seine mehrfach ausgezeichneten Forschungen auf eine Weise zusammen, die, so der Klappentext, die Moral in der Marktwirtschaft einfordert und das Weltproblem Nr. 1  anpackt: die sich immer weiter öffnende Schere zwischen dem global agierenden Turbokapitalismus und der zunehmenden Arbeitslosigkeit und Verelendung.



Wie das Buch zu seinem deutschen Titel gekommen ist, erscheint unklar. Der englische Titel Development as Freedom klingt nicht nur schnittiger, er wird dem Inhalt des Buches auch viel eher gerecht. Generell sei hier angeregt das Buch auf Englisch zu lesen, da es in der deutschen Übersetzung sprachlich etwas sperrig daherkommt.

Nicht die Marktwirtschaft ist Sens eigentliches Thema, sondern die Rolle der Freiheit für Entwicklung, Sen erkennt hier verschiedene Arten der Freiheit, politischer und sozialer Art, auch bezogen auf Chancen und Möglichkeiten. Freiheit ist gleichsam Mittel des wirtschaftlichen Fortschritts wie Sinn und Ziel eben dieses Entwicklungsprozesses. Was so vereinfacht ausgedrückt zirkulär daherkommt, bildet die Grundlage für eine intelligente Diskussion, die nicht auf die Ökonomie beschränkt bleibt, sondern ebenso politisch wie philosophisch Entwicklungspolitik und -theorie betreibt. Und dabei beschreitet er interdisziplinär neue Wege, ohne einer Ideologie das Wort zu reden.

Im Zuge seiner Erörterungen bleiben Themenkomplexe wie Marktwirtschaft und Moral nicht außen vor, Bildung, Kultur, Gesundheit und die Rolle der Frau. Fehler in den Systemen der sozialen Marktwirtschaft und Irrwege des globalen Kapitalismus werden von Sen ebenso besprochen wie die Frage nach einer Ethik für die ökonomisch Entscheidenden und Handelnden des Planeten.

Amartya Sen hat seine Stimme zu einer politischen Debatte über die globalisierte Welt erhoben, die in ihrer heutigen Aktualität in einer neuen Qualität daherkommt. Er schreibt mit Blick in die Zukunft, gegen die engstirnigen Irrwege kurzfristiger Strategien, für Weitsicht und Verantwortung. Nicht umsonst nennt man ihn das Gewissen der Ökonomie.

Als Anregung und zur Erweiterung des persönlichen Horizontes sei dieses Buch Befürwortern wie Gegnern der Marktwirtschaft ans Herz gelegt – es beinhaltet für beide Seiten ebenso interessante wie unangenehme Erkenntnisse.


    Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen
    Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft
    Deutsch von Christiana Goldmann
    dtv 2002, 424 Seiten
    ISBN 3-423-36264-2
 
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