SYNNECTA
Art Spiegelman: Die vollständige Maus
vorgestellt von Tilman Gutenberg

Die vollständige Maus Das Werk, das ich Ihnen heute vorstellen möchte, ist mitnichten ein Neues. Art Spiegelman veröffentlichte den ersten Teil seiner biographischen Erzählung (My Father Bleeds History) 1986 in dem von ihm herausgegebenen Underground-Comic-Magazin RAW.

Bereits 1989 erschien dieser Band in deutscher Sprache unter dem Titel »Mein Vater kotzt Geschichte aus«. Die Frage, ob man den Holocaust in dieser Form überhaupt darstellen kann oder darf, wurde schnell gestellt. Und von denen, die MAUS gelesen hatten auch sehr schnell mit einem deutlichen Ja beantwortet.

Auch nachdem der zweite Teil (And Here My Troubles Began) 1991 herauskam – und Spiegelman 1992 den Pulitzerpreis für seine Maus verliehen bekam, als erster Comiczeicher überhaupt übrigens – war diese Diskussion noch lange nicht entschieden, die Kritik in Bezug auf Spiegelman aber weitestgehend verstummt. 2008 hat Fischer beide Bände in einer Veröffentlichung wieder aufgelegt.

Es gibt sicher Veröffentlichungen, die man zu Recht kritisieren darf und sollte; Bände, die sowohl dem Thema als auch dem Genre einen Bärendienst erweisen. Spiegelmans MAUS ist über diese Kritik erhaben. Für alle, die immer noch der Meinung sind, ein Comic wäre nichts als bunte Bildchen ohne Tiefgang, Zerstreuung für die Kinder oder Unterhaltung für Menschen ohne Anspruch, liegt mit Spiegelmans MAUS nicht der einzige, aber der wohl eindrucksvollste Beweis dafür vor, dass ein Comic – in diesem Falle eine so genannte Graphic Novel – nicht nur Kult, nicht nur Kunst, sondern eben auch ernstzunehmende Literatur sein kann.



Spiegelmans Zeichnungen sind grob, einfach, schwarz/weiß, ein Stil, der seine Wurzeln in den Independent Comics der 60er und 70er Jahre hat. Er zeichnet keine Menschen, er zeichnet zweibeinige Tiere – Juden sind Mäuse, Deutsche Katzen, Franzosen Frösche, Polen Schweine, Amerikaner Hunde. Einerseits bleibt Spiegelman damit einfach einer traditionellen Methode des Genres treu, andererseits zitiert er damit auch sehr bewusst die Nazi-Propaganda, die Juden als »Ungeziefer« verunglimpft hat.

Er zeichnet und erzählt nicht nur ein Stück Geschichte des 20sten Jahrhunderts, er erzählt die Geschichte seiner Eltern. Genauer: sein Vater, Wladek Spiegelman, erzählt ihm seine Geschichte, die Geschichte eines aufstrebenden polnischen Juden in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Wie er seine Frau kennen gelernt hat, wie er zur polnischen Armee gegangen ist, gekämpft hat und dann verfolgt wurde. Wie sie sich versteckt haben, geflohen sind, gefangen, getrennt und deportiert wurden.

Art Spiegelman dokumentiert, notiert und nimmt die Geschichten seines Vaters auf Tonband auf. In diesen Sequenzen sieht man einen gebrochenen und kauzigen alten Mann, dessen Sohn sich bemüht, Zugang zu ihm zu gewinnen. Die Ehrlichkeit und Authentizität von MAUS beruht zu einem großen Teil auch auf diesen autobiographischen Skizzen einer schwierigen Vater-Sohn Beziehung. Wladek Spiegelman starb vier Jahre vor der Veröffentlichung des ersten Bandes.

Immer wieder berühren sich die Erzählstränge, wird deutlich, wie die am eigenen Leib erfahrene Shoah die Freunde und Familie zerrissen hat und die Person Wladek, den alten Mann, den Vater Wladek geformt und geprägt, zermürbt und verändert, im Innersten getroffen – aber doch nicht umgebracht hat.

MAUS ist die Geschichte eines Überlebenden, genauso wie es die Geschichte eines unvorstellbaren Verbrechens ist. Der gezwungene Weg eines jungen Mannes aus der Gesellschaft in die Vertreibung, zu Misstrauen und erlebten Verrat über Gefangenschaft nach Auschwitz und durch die Gaskammern zu der unglaublichen Erkenntnis, das Unbeschreibliche überlebt zu haben.

MAUS ist auch der Versuch, dieses Unbeschreibliche darzustellen, die entsetzlichen Zustände im Vernichtungslager, die Versuche, mit diesen Situationen umzugehen, sowie die Strategien des Überlebens und das zweifelhafte Glück, es tatsächlich zu schaffen.

MAUS ist keine leichte Kost. Oft zwingt die Lektüre den geneigten Leser dazu, eine Pause einzulegen und sich kurz zu sammeln, nachzudenken. Wut, Ohnmacht, Fassungslosigkeit und Traurigkeit zu ordnen, das gerade Gelesene wirken zu lassen. Mit dieser Graphic Novel hat Art Spiegelman eine eindrucksvolle Leistung gegen das Vergessen geschaffen, in einer einzigartigen Form erlebbarer Geschichte, Zeitgeschichte und Erzählung zugleich, die ihresgleichen sucht.


    Art Spiegelman: Die vollständige Maus
    Fischer Verlag 2008, 300 Seiten
    ISBN 3-596-18094-5
 
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